TrIQ-Position anlässlich der Klage von Christiane Völling am 12.12.2007 in Köln
Zur aktuellen Klage von Christiane Völling auf Schmerzensgeld am 12. Dezember vor dem Kölner Landgericht:
Dies ist nun schon das zweite Mal in dem sich ein deutsches Gericht mit Intergeschlechtlichkeit auseinandersetzen muss. Wir wünschen Christiane Völling viel Kraft und Erfolg bei ihrer Schmerzensgeldklage und hoffen, dass das deutsche Rechtssystem diesmal greift und sich nicht erneut der Verpflichtung zur Rechtsausübung entzieht, in dem es die Entscheidungsgewalt abermals der Medizin übergibt.
Was ist Intergeschlechtlichkeit?
Intergeschlechtliche Menschen (auch: Intersexuelle, Zwitter, Hermaphroditen) sind Personen, die mit körperlichen Merkmalen geboren werden, welche von der Medizin als "geschlechtlich uneindeutig" eingestuft werden. Die Merkmale, die als sogenannte Störung der geschlechtlichen Ausdifferenzierung gelten, umfassen Variationen der inneren und äußeren Genitalien, die die körperliche Gesundheit in keinster Weise beeinträchtigen, bis zu einigen tatsächlich teils lebensbedrohlichen Konditionen welche einer medizinischen Einwirkung bedürfen. Leider wird hier selten die geschlechtliche Zuordnung und chirurgische Anpassung zum Männlichen bzw. Weiblichen getrennt verhandelt von etwaigen lebensnotwendigen Eingriffen. Intergeschlechtlichkeit wird nach wie vor als "Notfall" eingestuft, der einer umgehenden Behandlung bedarf und meist noch innerhalb der ersten zwei Lebensjahre zu chirurgischen Eingriffen führt – in Absprache mit den (meist sehr unzureichend informierten) Eltern. Eine Begründung hierfür ist, damit die Kinder sich später nicht mehr an diese schwerwiegenden, oft kosmetischen Operationen an ihren Geschlechtsorganen erinnern, ein weiterer um den Eltern vor einer Auseinandersetzung mit dem andersartigen Aussehen ihres Kindes zu bewahren. Hierbei sind die Fragen nach der körperlichen Integrität der Betroffenen und einer freien Entwicklung der eigenen geschlechtlichen Identität offensichtlich zweitrangig und vernachlässigbar.
Schwerwiegende Eingriffe:
In den meisten Fällen bleibt es außerdem nicht bei einer Operation: Neo-Vaginen werden von klein auf regelmäßig "bougiert", also mit einem Dildo gedehnt, damit sie nicht zuwachsen, eine verkleinerte „Klitoris“ kann wieder größer werden, wenn ein intergeschlechtliches Kind in die Pubertät kommt. Hormone müssen regelmäßig genommen werden, damit keine "unerwünschten", z.B. "vermännlichende" Veränderungen eintreten. Auf die Mehrzahl der im Säuglingsalter operierten Kinder warten in den folgenden Jahren dutzende gynäkologische Untersuchungen, in deren Rahmen sie auf Körpergröße, Phänotyp, Gewicht, Regelmäßigkeit der Hormoneinnahmen und die Entwicklung der Genitalien kontrolliert werden. Heute erwachsene intergeschlechtliche Menschen betonen immer wieder, wie traumatisierend diese Übergriffe, denen sie als Kinder und Jugendliche ausgesetzt waren, auf sie wirkten.
Eltern können von der Situation, in die sie auch durch die gesellschaftliche und medizinisch normierte Forderung "Ist es ein Mädchen oder ein Junge" gebracht werden, überfordert sein. Es ist sogar nachvollziehbar, dass sie aufgrund dieses Drucks Aversionen gegen die ihnen als defizitär und anormal vermittelte Anatomie ihres Kindes ausbilden, die den Umgang mit ihrem Kind erschweren. Es kann dennoch nicht angehen, dass zur Lösung dieser Problematik gesunde Kinder ihrer körperlichen Integrität beraubt werden und nicht mehr rückgängig zu machende chirurgische und hormonelle Eingriffe an ihnen vorgenommen werden und dabei das Prinzip der informierten Einwilligung des betroffenen Menschen (informed consent) gemeinhin ignoriert wird. Zu mal da diese Eingriffe in einem Alter geschehen, in dem sie sich selbst hierzu noch nicht äußern können.
Recht und Gesetz:
Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch ist die Sterilisation von Minderjährigen verboten (§ 1631 c BGB), wobei die Kastration offenbar nur als solche gilt wenn es um fortpflanzungsfähige Keimdrüsen geht und so den Aspekt der Gonaden als hormonproduzierende Drüsen vernachlässigt. Ebenso sind die Operationen im Genitalbereich meist rein kosmetischer Natur und ohne medizinische Notwendigkeit. Alle Menschen sind hier vor dem Gesetz gleich, ungeachtet ihres Geschlechts (§3 GG). Auch die Würde von Kindern gilt dem Gesetzgeber als unantastbar (§1 GG). Dennoch: Im Fall intergeschlechtlicher Menschen wird dieses Recht außer Kraft gesetzt, indem die Entscheidungsgewalt über die Notwendigkeit medizinischer Maßnahmen an offensichtlich gesunden Organen an die behandelnden Ärzt_innen zurückgegeben wird. Diese wiederum überschreiten ihren Kompetenzbereich bei weitem, indem sie Prognosen über die möglichen Probleme von ihnen als "geschlechtlich uneindeutig" definierter Menschen treffen und damit die sofortigen Operationen rechtfertigen. Ganz grundsätzlich und ohne Einschränkung gehört die Entscheidung über Operationen am eigenen Körper in die Hände der betroffenen Menschen. Die Argumentation der Mediziner_innen, durch Operationen im Säuglingsalter die in ihrer "Geschlechtlichkeit Andersartigen" vor Leiden zu schützen, da "leider … weder in unserer Gesellschaft noch anderswo eine Entwicklung zu dieser Toleranz erkennbar" sei [ link ], steht gegen die Aussagen des größten Teils intergeschlechtlicher Erwachsener, die sich durch die Operationen der gesellschaftlichen Diskriminierung nicht entzogen fühlten, sondern stattdessen von einer ständigen, traumatisierenden überwachung ihres Körpers durch Außenstehende und Vertrauenspersonen berichten.
Alternativen:
Bei Eltern intergeschlechtlicher Kinder muss es darum gehen diese zu unterstützen, und zwar durch nicht-pathologisierende Aufklärung. Am besten geschieht dies durch Menschen, die selbst intergeschlechtlich sind und daher aus einer breiteren Perspektive zu Auswirkungen normangleichender Eingriffe berichten können, und die über Lebenserfahrungen verfügen, wie man als operierter bzw. nicht-operierter intergeschlechtlicher Mensch innerhalb einer Gesellschaft zurecht kommt, die ausschließlich in Mann und Frau aufteilt.
Ebenfalls bieten selbstorganisierte Elterngruppen weitaus bessere Hilfe und Informationen zum alltäglichen Leben mit einem intergeschlechtlichen Kind und der Umwelt als dies ein Arzt oder Mediziner könnte. Es muss von voreiligen nicht rückgängig zu machenden Schritten Abstand genommen werden. Es muss den Eltern und den Betroffenen die Zeit gegeben werden sich umfassend informieren zu können, vor allem bei Betroffenenverbänden und nicht-pathologisierenden Stellen, bevor über das zukünftige Schicksal eines Menschen entschieden wird und unwiderufbare "Fakten" geschaffen werden.
Das Prinzip der informierten Einwilligung (informed consent) der Betroffenen muss als unumgänglich gelten, auch wenn dies bedeutet, viele Jahre zu warten bis sich der Mensch selbst zu dieser Frage äussern kann oder will.
Mediziner_innen und Hebammen müssen über Alternativen unterrichtet werden. Die Medizin muss klar unterscheiden lernen wo ihre Befugnisse liegen und sich in ethisch-sozialen Fragen weitaus umfangreicher informieren und Kompetenzgrenzen akzeptieren.
Gesamtgesellschaftlich müssen wir die Realität der vielen Variationen von Geschlechtlichkeiten wahrnehmen und es nicht der Naturwissenschaft überlassen, wie wir kulturell und sozial mit Vielfalt umgehen.
TrIQ-Position concerning Christiane Völling’s lawsuit December 12, 2007 in Cologne
Concerning Christiane Völling’s current lawsuit for monetary damages December 12 before the Cologne District Court:
This is now the second time that a German court has had to deal with intersex. We wish Christiane Völling strength and success in her lawsuit for financial damages and hope that the German judicial system will intervene and not once again hand over its own jurisdiction and legal duty to the physicians.
What is intersex?
Intersexed individuals (also known as hermaphrodites), are persons born with physical characteristics which medicine classifies as “sexually ambiguous”. These characteristics, which are also referred to as disorders of sex development, include variations of the internal and external reproductive organs that usually do not impair the physical health but which in some cases can include conditions which can be life-threatening and require medical attention. Unfortunately here [in Germany] there is no separation between cases which require medical intervention and procedures which are undertaken for the sole purpose of assigning a sex to an individual as male or female. Intersex is still classified as an “emergency” which requires immediate treatment usually within the first two years with surgical intervention – discussed with the parents (who usually are not sufficiently informed). One reason for this is so that the children will have no memories later of these serious, often cosmetic, operations on their genitalia and also to prevent parents from having to deal with their child’s different appearance. In such cases, the bodily integrity of those affected and their own natural development of their own gender identity are secondary considerations and often overlooked completely.
Very serious interventions:
In most cases, this does not stop after just one operation: neo-vaginas are "tinkered with" regularly and repeatedly, and also stretched with a dildo, so as to prevent them from growing back together, and a reduced “clitoris” can start to grow again when the child reaches the age of puberty. Often, it is necessary to take hormones regularly, for example to prevent “undesirable” virilising changes from occurring. These children who are usually operated on in infancy have to face years of numerous gynaecological examinations in order to control their body size, phenotype, weight, hormone regulation and genital development within the standards for the sex assigned. Today intersexed adults stress how these traumatising violations of their physical integrity which they were subjected to in childhood have affected them. Parents can be overwhelmed in such situations in which they too are faced with the pressures of medical normalisation as a result of the question: “Is it a boy or a girl?” It is also understandable that as a result of this pressure they would develop an aversion themselves to the anatomy of their child which is depicted as defective and abnormal and that this would make their relationship with their child more difficult. This problem cannot however be dealt with and solved by healthy children who are being robbed of their bodily integrity by means of irreversible surgical and hormonal interventions which when undertaken ignore the principle of informed consent from the concerned individual. Since these interventions happen at an age when the children cannot give their consent.
Laws and statues:
According to civil law sterilization is forbidden in persons who are underage (§ 1631 c BGB), and castration is considered as such only when the gonads are functional whereby their hormone producing aspects are not taken into consideration. Likewise operations of the genitalia are mostly purely cosmetic in nature and medically unnecessary. All people are equal before the law here regardless of their sex (§3 GG). Also the human dignity of children is considered by legislators as inviolable (§1 GG). Nevertheless, in the case of the intersexed this right is legally repealed in that the power to decide whether it is necessary to submit apparently healthy organs to medical intervention is given over to the treating physician. This in turn is by far beyond their own area of competence and expertise in that they make prognoses about possible problems that people defined as “sexually ambiguous” would face and justify the immediate operations based on [these conjectures]. Fundamentally and without restriction the decision about operations on one’s own body belongs in the hands of the individual concerned. The arguments given by physicians that they perform these operations to protect the infants from suffering from their “sexual difference” because, “unfortunately neither in our society or elsewhere has tolerance developed to such a degree”, stand in contradiction to the statements given by intersexed people who have not felt protected from discrimination as a result but instead report constant, traumatising monitoring and inspection of their bodies by outsiders and those closest to them.
Alternatives:
With parents it is essential that they support their intersex children and that can only be done by non-pathological explanations. Ideally this is done along with people who themselves are intersex who, because of their larger perspectives, can speak about the effects of normalising intervention and also their life experiences: how they, whether surgically normalised or not have come to terms with their place in society which is exclusively divided into male and female.
Likewise self-help groups organised by parents themselves offer far greater help and information about the everyday life with an intersexed child and their surroundings than any physicians could. It is important not to rush into decisions that will be irreversible. Both the parents and those affected need to be given the time to get adequate information, especially from groups of those affected and not pathological sources before making decisions about the fate of a person and thereby creating a series of irrevocable facts.
The principle of informed consent from the individual concerned should apply in all cases even if this means that the individual will have to wait for many years before being able to express their own opinion concerning the issue.
Physicians and midwives must be informed about alternatives. Medicine must learn to determine clearly where its own authority lies and seek greater information about ethical and social issues and accept limits within their own field of expertise.
Overall as a society, we must learn to deal with and take the reality of sex variations into account, and not leave this to the Natural Sciences, in the way that we deal with other cultural and social variations.